• Bikini

    Am 25. August feiert der Freistaat Bayern den Geburtstag von König Ludwig II. Der „Kini“ verbrachte seinen 34. Geburtstag auf dem Schachenhaus, einer einsamen Berghütte vis-à-vis der Zugspitze. Alleine. So dachte man zumindest immer.

    Bikini

    Am 25. August feiert der Freistaat Bayern den Geburtstag von König Ludwig II. Der „Kini“ verbrachte seinen 34. Geburtstag auf dem Schachenhaus, einer einsamen Berghütte vis-à-vis der Zugspitze. Alleine. So dachte man zumindest immer.

    Gretl Holl (Name geändert) schwitzt wie Angela Merkel am Wahlabend. Der penibel gestutzte Pony klebt an der Stirn, um die Achseln bilden sich Seen wie in Wittenberge. Aber die 39-jährige Juristin ist glücklich. So wie alle anderen Wanderer, die an diesem Sonntagmorgen hinauf schnaufen, um den Geburtstag von König Ludwig gebührend zu feiern: Einhundertsiebenundfünfzig Jahre wäre er alt geworden, der Märchenkönig. Nichtbayern verunglimpfen ihn gerne als schlossbauenden Spinner oder schwulen Schöngeist. Bayern dagegen lieben ihren König ohne Wenn und Aber. Bayern sind Monarchisten. Träumen von Souveränität und einem Herrscher von Gottes Gnaden. Siehe: Strauss, Streibl, Stoiber. Und einmal im Jahr ist ganz Bayern wieder Königreich. Dann folgen die Getreuen ihrem Herrscher auf einem schmalen Reitweg hinauf zum Schachen. Denn dort pflegte der Überking hinauf zu traben, um Geburtstag zu feiern. So auch am Nachmittag des 24. August 1879.

    Dieser Nachmittag ist ein schwüler. Seine Majestät reitet von Schloss Linderhof, seiner Prunkvilla in der Nähe von Oberammergau, zum Schachen. Seinen vierunddreißigsten Geburtstag zu feiern. Allein, „im stillen Gebirgshause auf steiler Höh“, wie er an Richard Wagner schreibt, denn „diese einfache Hütte ist mir werther als alle Schlösser mit ihrem Glanz und hohlem Prunk“. Aus dem schön-geistigen Traumprinzen von einst ist ein ganz schön geisterhafter Alptraum geworden. Blaublütiges Burn-out-Syndrom. Seit seiner Thronbesteigung im Alter von 19 Jahren wartet er am falschen Gleis: Kaiserin Elisabeth von Österreich – Sissi – hat ihn abblitzen lassen und kümmert sich lieber um ihre Magersucht. Die Staatsgeschäfte öden ihn an, seit Bismarck ihm im Preußisch-Deutschen Krieg die Hosen herunter gezogen hat. Seine Lieblingsbeschäftigung, das Traumschlösser bauen, hat sein eigenes Sparschwein und das des untertänigen Steuerzahlers scheintot gemacht. Und mit Richard Wagner läuft in letzter Zeit auch nichts mehr. Kurz: Dem König stinkt’s und deshalb flieht er. Vor der Staatsräson, vor seinen Obsessionen, vor dem Gewitter.

    „Da braut si was z’amm“, flüstert Gretl Holl und deutet hinüber zur Zugspitze. Über Deutschlands höchstem Berg wachsen Blumenkohlwolken in den weißblauen Himmel. Etwa 300 Menschen lauschen andächtig den Worten des Präses von Kloster Ettal. Der 73-jährige Geistliche liest wie jedes Jahr die heilige Messe im Hochgebirge. Partenkirchner Bergwacht und Mercedes-G-Klasse machen’s möglich. Und nach Pfarrers Segen stehen alle stramm und schmettern mit stolz- und berglufterfüllter Brust die Bayernhymne. Eigentlich wollte der Ministerpräsident höchst selbst auf einen Sprung vorbeifliegen. Doch dann kam ihm völlig unerwartet der Wahlkampf dazwischen. Aber auch ohne Politprominenz wimmelt die Blumenwiesen unterhalb der Berghütte nur so von Königstreuen, verkappten Monarchisten und Ludwig-Fans. Lederhose und Gamsbart in allen möglichen und unmöglichen Variationen. Die Vorstandschaft der Rodinger Patrioten e. V. hält heute ihre jährliche Fortbildung ab. Auch nicht zum Spaß ist der Historiker Hans Bierbichler im Gebirge. Der Kunsthistoriker und Ludwigologe mit dreißigjähriger Beruf(ung)serfahrung geht diesem Gerücht nach, das in Partenkirchen die Runde macht.

    Der Wolkenbruch zwingt den König, im einfachen Reitanzug und nur von seiner Leibgarde eskortiert, zur Einkehr im Gasthaus „Zum Rassen“. Als die vier dunklen Gestalten die Stube betreten, fällt einem der im Herrgottswinkel sitzenden Bauern fast die Pfeife aus dem Mund. Wahrhaftig, der König! „Der Mann ragte über alle hinweg, auch über den langen Herrn Oberförster. Sein reiches, gewelltes Haar und ein Paar merkwürdige, schöne Augen fielen auf. Dieser Mann war König Ludwig“, schreibt Ludwig Thoma später in sein Tagebuch. Während der kleine Tross auf das Ende des Donnerwetters wartet, verlangt Paul von Thurn und Taxis, der Adjutant der Königs, beim Wirt nach „einfacher Kost und einem Humpen Bier“ für den hohen Gast. Weniger die Brotzeit als vielmehr die Dienstmagd erregt indes die Aufmerksamkeit des verträumten Herrschers durch ihre „Schönheit“ und „tief gerührte Reaktion“ auf sein Erscheinen. Sie soll dem Geburtstagskind oben in der Berghütte als Zimmermädchen dienen, so der königliche Plan. Der Wirt wird mit hundert Goldmark entlohnt, für einen Tag auf die Magd zu verzichten. Thurn und Taxis setzt das verdutzte Hirtenmadl hinten aufs Ross und der Tross sich in Bewegung. Der Name des Mädchens: Marianna Rieger.

    Gretl Holl kann sich keinen Zentimeter bewegen. Auf der einen Seite der fette Historiker, auf der anderen Hochwürden. Auf den anderen Bierbänken vor der Schachenhütte, einen Steinwurf entfernt vom königlichen Geburtstags-Refugium, erholen sich die restlichen Gläubigen von der Bergmesse. Die Stimmung steigt mit jedem Promille. Und mit ihr die Redseligkeit der Bierbänkler. Nie im Leben sei der König homosexuell gewesen, verkündet der Historiker unter allgemeinem Nicken. Und mit den Mannsbildern, über die King Louis in so flammender Leidenschaft Tagebuch führte (über Stallmeister Richard Hornig etwa „daß wir uns an jenem seligen Maitage kennen lernten, um uns nie mehr zu trennen, und nie von einander zu lassen bis zum Tode“) verband ihn eine tiefe Verehrung, allerhöchstens eine platonische Liebe. Andächtiges Aufstoßen allenthalben ob dieser großen Worte des Doktor Bierbichler. Der kleine Prinz konnte sich wohl nicht entscheiden. „Sophie abgeschrieben“, so seine lapidare Notiz nach der Auflösung der Verlobung mit Sissis kleiner Schwester. Statt in die Bettstatt zog es ihn hinaus in die Natur, statt politisch korrekter Zweisamkeit in die Einsamkeit seiner Traumwelt. Den drögen Regierungsbrei vertauschte der Kini immer öfter mit einem Cocktail, gemixt aus deutscher Oper und türkischem Opium.

    Traum ist real. König ist Sultan. Oben ist unten. Vergangenheit ist zukünftige Gegenwart. Opiumrauchend driftet Ludwig in die liebste seiner Parallelwelten ab, der aus Tausendundeiner Nacht. Die Berghütte mutiert im süßen Duft zum maurischen Palast in Konstantinopel, „in welchem Seine Majestät lesend in türkischer Tracht sitzt, während der Tross seiner Dienerschaft als Moslems gekleidet, auf Teppichen und Kissen herumliegen, Tabak rauchend und Mokka schlürfend“, so die Zeitzeugin Louise von Kobell. Der Märchenkönig pafft nicht, er nimmt tiefe Lungenzüge aus dem Rausch des Lebens. Heerscharen von Mosaikfenstern explodieren in sphärischen Klängen. Da sind Räucherschalen, Erker, Pfauenfedern, riesige Vasen, überladen mit Gold – und dieses Mädchen.

    Gretl Holl lacht und nimmt noch einen kräftigen Schluck aus dem Maßkrug. „Da am Schach’n is da schenste Fleck auf da Welt – weil da Kini herob’n war“. Pause. „Und ma Garmisch net sigt“. Das Anhängsel von Garmisch leidet seit Menschengedenken unter dem Bruderstreit. Schon immer war das kleine Partenkirchen vom großen Bruder beschissen worden. Etwa damals, als zwei Bauern aus den Nachbarsdörfern Weiderechte im oberen Loisachtal zu gleichen Teilen gewährt wurden. Da man sich aufs Streiten, nicht aber aufs Teilen verstand, kamen sie zu folgender salomonischen Lösung: Der Garmischer durfte seine Rindviecher von April bis September, der Partenkirchner die seinigen von Oktober bis März auf die Weiden treiben. Wer das Rindvieh in diesem Bauernhandel war, merkte der Partenkirchner erst später.

    Selbst der einfältigste aller Partenkirchner merkt jedoch irgendwann, von wem der Sohn ist, den Marianna Rieger am 27. Mai 1880, neun Monate nach dem königlichen Freudenfest, zur Welt bringt. Aber es laut auszusprechen, das traut sich keiner, am allerwenigsten die Mutter. Die Ehre des Königs ist unantastbar. Schließlich wird ein Vater „bestellt“ und urkundlich festgehalten, um alle Gerüchte zu beenden. Zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag erhält der Johann, so der Name des unehelichen Königssohns, ein paar tausend Goldmark. „Freilich hat mei Urgroßvater ausg’schaut wia da Kini“, sagt Gretl Holl und zieht zwei Bilder aus dem Rucksack. Tatsächlich: Der Rieger Johann ist Seiner Majestät wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Partenkirchnerin ist sich sicher, dass sie die Ururenkelin vom Kini ist. Partenkirchen wäre endlich nicht mehr nur das Hinterteil von Garmisch. Zu einem Gentest wäre Gretl Holl sofort bereit, „denn des dat des Bild vom Ludwig sauba umdrah’n.“ Dann wären auch die lästigen Gerüchte endlich vom Tisch, dass der Kini was mit Männern, nicht aber mit Frauen, anzufangen wusste. Also war er doch bi, der Kini.

     

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  • Angst essen Seele auf

    MountainBIKE-Autor Andreas Kern nimmt zum ersten Mal auf einem Tandem Platz – hinten! Vorne am Steuer und an den Bremsen: Downhill-Superstar Cedric Gracia. Wie Kontrollfreak Kern den Höllenritt mit dem französischen Profi überlebt hat.

    Angst essen Seele auf

    MountainBIKE-Autor Andreas Kern nimmt zum ersten Mal auf einem Tandem Platz – hinten! Vorne am Steuer und an den Bremsen: Downhill-Superstar Cedric Gracia. Wie Kontrollfreak Kern den Höllenritt mit dem französischen Profi überlebt hat.

    „Babe, you gonna die!“ Vier Worte, die auch Tage später die Gehörknöchelchen zum Klappern bringen. Du wirst sterben. Das war auch vor dem Telefonat mit Cedric Gracia keine wirklich neue Erkenntnis, aber den Löffel auf dem Rücksitz eines Tandems abzugeben, ist schon eine Aussicht der anderen Art. Gestern Nacht habe ich im Traum vorsorglich gleich die eigene Traueranzeige entworfen: „Unser lieber Sohn, Ehemann, Kollege und Mitfahrer ist viel zu schnell aus der Kurve des Lebens gerissen worden.“

    Totgeglaubte Geister spülen sich wie in einer seelischen Rohrverstopfung plötzlich hoch. Anno ‘87: Mein bester Freund Rainer hatte eben den 80er-Führerschein gemacht. Die Jungfernfahrt mit seiner nagelneuen Honda MBX endete interrupt, aber unvergesslich: erste Kurve, letzte Kurve. Ich hätte mich vielleicht in die gleiche Richtung wie er legen sollen. Er hätte mich vielleicht über das Wunder der Zentrifugalkraft aufklären sollen. Eins beide, unentschieden. Trotzdem schleuderte mit dem Moped unsere Männerfreundschaft in hohem Bogen in die Rabatte. Und ich bin nie wieder mit irgendetwas mitgefahren, was weniger als vier Räder und acht Airbags hatte.

    Und jetzt also Tandem. Die Worte meines Kollegen Jens schießen durch den Hypothalamus ins Angstzentrum: „Die Guten sitzen immer vorne.“ Ich werde hinten sitzen. Der Bauch sagt: „Mahlzeit!“ Der Kopf antwortet: „Es könnte schlimmer kommen.“ Und es kommt schlimmer. Ich werde meine Tandem-Unschuld nicht stress- und angstfrei verlieren, sondern als Sozius von Cedric Gracia. Der ist nichts weiter als einer der schnellsten – und heißblütigsten – Downhiller der Welt. Das erste Mal Tandemfahren und gleich mit Captain Future – das ist so ähnlich wie die Vorstellung, von Lara Croft auf dem Rücksitz entjungfert zu werden – spannend, aber auch beängstigend. Freunde kann man sich aussuchen, Kollegen nicht. Der, dem ich diesen Job als menschliche Kanonenkugel – 20 Zentimeter vom Allerwertesten eines verrückten Franzosen entfernt – zu verdanken habe, kann von Glück sagen, dass er meine Flüche 400 Kilometer nordöstlich von Saalbach nicht hört. Da stehe ich in meiner Drachentöterhose und hasse ihn aufrichtig. Wie der Schütze den Tormann, der eben den entscheidenden Elfmeter gehalten hat. Der Torhüter hat nämlich nie Angst, weil er nichts zu verlieren hat. Ich dagegen habe an diesem Donnerstagnachmittag im Juni eine Menge zu verlieren: Gesundheit, Ehre, überflüssigen Körpersaft.

    „Wenn zwei zu gleicher Zeit eine doppelsitzige Maschine benutzen, hindert keine Entfernung den Austausch der Gedanken, und die Unterhaltung der Fahrenden miteinander ist umso reger, je rascher die landschaftlichen Bilder wechseln.“ Der Leipziger Wilhelm Wolf konnte anno 1890 nicht ahnen, welch großes Wort er da so gelassen aussprach. Der Austausch der Gedanken zwischen dem Captain – dem Steuermann – und dem Stoker – dem Heizer – ist bei meinem Selbstversuch allein schon durch sprachliche Mauern verbarrikadiert. Ich kann auf Französisch immerhin Namen und Alter stammeln, und Cedrics Englisch ist – sagen wir mal – experimentell.

    Sein „I can totally feel you!“ beim ersten Antritt treibt mir eher die Röte ins Gesicht, als dass ich konstruktive Kritik heraushöre. Wofür ein Integralhelm doch gut sein kann! Was mein Captain eigentlich sagen will: Wenn einer gewohnt ist, den rechten Fuß vorne zu haben und der andere den linken, folgt der erste Beziehungsstress viel schneller, als etwa Licht von Saalbach nach Hinterglemm unterwegs ist. Denn beim Tandemfahren sind Vorder- und Hintermann wie zwei siamesische Dominas untrennbar miteinander verbunden. Mit einer Kette. Und die unterwirft den vormals mündigen Biker zum devoten Hinterbänkler, zur willenlosen Tretmaschine. Wenn Cedric vorne antritt wie ein bretonischer Braunbär unter Bullpower-Einfluss, dann wickeln sich mir hinten fast die Knie um die Ohren. Beine hochlegen funktioniert leider nicht, ich hab’s ausprobiert. Andererseits: Wenn sich meine gut 90 Kilo auf einem Wurzelweg plötzlich verkrampfen wie ein Zombie, dem gerade Stephen King erschien, dann hat jeder Vordermann – auch einer, der gerne Backflips mit dem Tandem ausprobieren würde – eine mittelgroße Baustelle.

    Die Physik lässt sich nicht zuquatschen. Länge läuft, Gewicht schiebt, Kern krampft. Erste Erkenntnis: Tandemfahren funktioniert nur, wenn beide das Gleiche denken und tun. Bergab bin ich mir aber ziemlich unsicher, ob ich wirklich das Gleiche will wie er. In der Ebene dagegen gibt’s eigentlich nicht allzu viel zu tun: Wenn Cedric tritt, treten. Wenn Cedric sich nach links legt, nach links legen. Tandemfahrer haben die Kraft der zwei Herzen. Halbwegs aufeinander eingespielt, ist das Sozius-Dasein also wie das echte Leben: Immer im Gleichschritt durch die Welt treten und sich möglichst nicht darum kümmern, was in Zukunft auf einen zukommt. Meist sind es eh nur Wurzeln oder Äste. Aber manchmal kommt ein ganzer Vulkankrater daher – Überraschung!

    Mich trifft der Schlag. Derart unvorbereitet, dass die eineinhalb Kilo Helm, bei dessen Anblick sich Darth Vader vor Neid sicher schrecklich verschlucken würde, meine Halswirbel Breakdance tanzen lassen. Gracias für die Schlagloch- Warnung, Captain Gracia! So ähnlich wie ich muss sich der Beifahrer eines Sekundenschlaf-gefährdeten Rallye-Piloten fühlen. Nur dass der wenigstens sieht, wohin die Reise geht – und immer eine Bibel dabeihat. Ich dagegen sehe statt Alpenpanorama nur einen Berg von Muskeln vor mir. Was auf dem Rücksitz aber wirklich fehlt, sind die beiden letzten echten Freunde des emanzipierten Mannes im dritten Jahrtausend: eigene Schalt- und Bremshebel. Wenn zwischen eigenem Handeln – die Finger greifen gewohnt souverän zum Bremshebel – und den daraus folgenden Konsequenzen – der Speed nimmt eher zu als ab – kein Zusammenhang mehr besteht, dann freut sich jeder Psychologe über ein Lieblingsphänomen menschlichen Verhaltens – den Kontrollverlust. Anhänger bestimmter Subkulturen mögen auf das Gefühl des Ausgeliefertseins abgehen wie Lucie. Für alle anderen hat Mama Natur eine andere Reaktion vorbereitet, sobald das eigene Schicksal unfreiwillig aus der Hand gegeben wird: Angst.

    Meiner Ansicht nach könnte der da vorne bald mal wieder bremsen. Im Auto würde ich jetzt ein Jörg-Pilawa-Lächeln versuchen und meiner Frau ganz nebenbei von dem Kollegen erzählen, dem sie gerade den Führerschein gezwickt haben. Dabei würde ich mich so unauffällig wie möglich irgendwo festkrallen. Angst zu zeigen ist nämlich zutiefst unmännlich. Hier und jetzt würde ich sie liebend gerne zeigen. Nur interessiert sie ihn nicht wirklich. Ich bin plumpe Nutzlast und blinder Passagier an Bord eines durchgeknallten Geisterfahrers. Prima. Die Reaktionen sind menschlich und immer gleich: erst Schrecksekunde und dann das heftige Bemühen, die Kontrolle wieder zu erlangen. Der Autofahrer tritt bei Glatteis mit aller Kraft auf die Bremse. Der steckengebliebene Liftfahrer hämmert immer wieder auf sämtliche Knöpfe. Meine Zeige- und Mittelfinger suchen nach Bremshebeln. Die Tiere haben’s gut – sie können bei Bedrohung fliehen, angreifen oder sich tot stellen. Ich kann nur Letzteres.

    Ich ergebe mich irgendwann, akzeptiere, dass sein guter Fuß vorne sein darf und nicht meiner, lasse ihn schalten und walten. Ich konzentriere mich aufs Nicht-Konzentrieren und versuche krampfhaft, locker zu werden. Das gelingt am besten, wenn man ganz bewusst loslässt – zumindest die nicht vorhandenen Bremshebel. Du hast keine Chance zu bremsen, also nutze sie. Irgendwann gibt der Bauch sogar ein wenig Macht an den Kopf ab. Der macht das, was er am besten kann: rationalisieren. „Der Kerl hat am nächsten Tag einen Contest, also wird er sich und dich schon nicht über die Klippe schießen.“ Guter Versuch, mich selbst anzulügen. So wie der unterwegs ist, wird er gleich noch einen Backflip einbauen. Mama! Wir stehen. Ein kleiner Schritt runter vom Tandem, aber ein Riesensatz zurück ins Leben. Cedric und ich sind nicht unzertrennlich. Gott sei Dank! Und das Tandem wird höchstwahrscheinlich doch nicht meine große Liebe. Ich bin schließlich kein Franzose. Und die sagen schließlich zur Liebe auch „le petit mort“ – der kleine Tod.

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  • Maulheld

    Die Faustformel des Max Herfert: besiege deinen Gegner, aber demütige ihn nicht.
    Wer schwächere niedermacht, lügt sich Stärke vor. Boxer, Künstler, Rockmusiker, Sozialarbeiter: das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen.

    Maulheld

    Die Faustformel des Max Herfert: besiege deinen Gegner, aber demütige ihn nicht.
    Wer schwächere niedermacht, lügt sich Stärke vor. Boxer, Künstler, Rockmusiker, Sozialarbeiter: das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen.

    Ein Boxhandschuh wirkt wie ein Klostopfer: Er drückt eine Luftsäule in den Gehörgang, die die feine Haut widerstandslos zerreißt. Max Herferts Trommelfell ist über 30-mal zerrissen. Er hört anders, aber er hört. Nur nicht auf zu boxen. Bruch des Nasenbeins, Bruch des Jochbeins, Bruch des Augenbodens. Ein Zahn, der nur noch an einem Nervenstrang baumelte. Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Auch ein Riss der Netzhaut im Auge hielt den Einsneunzigmann mit der windschiefen Nase nicht auf, samstags gegen den Deutschen Schwergewichtsmeister zu boxen, um sich montags mit 40 Laserschüssen die Netzhaut wieder antackern zu lassen. Max Herfert hat eben Nehmerqualitäten.
    Er kann aber auch austeilen. Denn Geben ist im Boxen gesünder als Nehmen. Bei einem öffentlichen Sparring wollte ihn ein Profi aus René Wellers Boxstall durch Rumtänzeln und herunterhängende Deckung vor Hunderten von Zuschauern verarschen. „Fünf Minuten lag er nach meiner rechten Geraden bewusstlos auf den Brettern“, erzählt der 58-jährige Reutlinger und präsentiert sein unvollständiges Fressbrett. Immerhin war er viermal Württembergischer Vize-Meister im Schwergewicht. Aber seine Karriere war mit einem Schlag vorbei. Mit 37 Jahren muss laut Boxverband-Reglement jeder Boxer seine Lizenz abgeben. Auch Max. Schön blöd, dass er erst mit 30 mit dem Boxen begonnen hatte. Aber Runde für Runde! Es passt wie die Faust aufs Auge, dass ein Haudrauf wie Max in Raibach gemacht wurde. Aus dem 900-Seelen-Dorf am Rande des Odenwalds zog der wild vor sich hin pubertierende „Maxie“ nach Dörnigheim, zwischen Frankfurt und Hanau. Einer der Mitmieter war Boxer. Und Max kloppte das jahrelang elterlich verbotene Boxverbot endlich in die Tonne. Er fing an, wie besessen zu trainieren.
    Mit knapp 14 Jahren wurde er Aushilfe eines Lebensmittelzustellers. Der Milchlaster fuhr im Schritttempo durch die Straßen, während Max die Milchflaschen laufend zustellte. Der Wochenlohn für diesen 65-Stunden-Job: sensationelle 130 Mark. Aber das knochenhart verdiente Geld wollte an den Mann gebracht werden. In Maxis Fall an die Frau. Also fuhr er am Wochenende nach Frankfurt. Ins Bordell. „Mich reute kein einziger Pfennig, den ich verhurte.“ Eines Nachts wurde er wegen seiner nonkonformistisch langen Haare von acht Passanten zusammengeschlagen. Acht waren drei zu viel. Der Demütigung folgte die Aufrüstung. Max begann, wie ein wilder Stier zu trainieren. Und boxt sich seither durchs Leben. Aber in der edelstahlharten Schale steckt ein Hochleistungsrechner. Trotz Aushilfsjob, Rockkonzerten bis um vier und Workout – bis zu 1000 Liegestütze in einer Stunde und 100.000 in acht Monaten –, baute er das beste Abi seines Jahrgangs. Für einen Teil des Lehrkörpers nicht leicht zu verkraften. Nonkonformist Herfert konnte es sich dann auch nicht verkneifen, dem mobbenden Schulleiter beim feierlichen Zeugnisübergabe-Handshake fast die Hand zu brechen. Anschließend studierte er in Tübingen Biologie, Theologie, Philosophie und Psychologie. Seine erste WG-Genossin wurde erst Freundin, dann Frau und schließlich Mutter seiner drei Kinder. Die sind heute 37, 33 und 30 Jahre alt. Und heißen Fleur, Max und Phillip. Sein Letztgeborener hat seit Geburt ein L zu viel, ein P zu wenig – Papa Max hatte sich im Standesamt schlicht verschrieben.

    Zu der Zeit, als seine Kinder zur Welt kamen, war Herfert noch lange kein Boxer. Aber schon längstens Rockmusiker. Schon als Halbstarker war er vom Musikvirus infiziert worden. Zuerst von der Musiktruhe seines Cousins Manfred, später von der Plattensammlung seines älteren Bruders Rudi. Seine Vorbilder: „The Who“, „Steppenwolf“ – und natürlich die bösen Buben „Rolling Stones“. Allen voran Keith Richards. Maxi ließ sich die Haare lang wachsen – im Deutschland der sechziger Jahre die elfte Todsünde –, brachte sich Gitarre, Schlagzeug & Co. selbst bei und sang englische Texte nach, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Mit 16 war er Schlagzeugalleinunterhalter, nannte sich „Max B. Herf“ und hatte einen Manager.
    Aber Dörnigheim war nicht London. Einmal legte er in der brechend vollen Turnhalle seiner damaligen Heimatstadt ein 25-minütiges, vom schweißnassen T-Shirt befreites Schlagzeugsolo hin. Als der Applausdonner abebbte, rief eine Frau aus dem Publikum: „Maxie, zieh der aach was aa, sonst erkälsde disch! Ich hab aach e Käsebrod mitgebrachd.“ Mama Herfert. Das Turnhallen-Trauma war genauso schnell überwunden wie die Tatsache, dass er 17 Jahre zuvor eine „Maximiliane“ hätte werden sollen. Umso männlicher wurden eben seine Passionen: Boxen und Rockmusik. Während des Studiums begann er nebenbei, Musikinstrumente zu verkaufen. Sein „Musikladen Max Herfert“ brummte irgendwann Ende der Siebziger dermaßen, dass er sich entscheiden musste: Schopenhauer oder Schlagzeug? Freud oder Fender? Max Herfert pfiff aufs Studium.
    40 Jahre später spielt er am liebsten „uneingestöpselte Rockmusik“. Er lebt von ihr. Nicht vom Spielen, sondern vom Verkaufen. Der boxende Musiker und sein Geschäft genießen weit über den Spätzle-Horizont hinaus echten Kultstatus. Musiker aus Alaska, Neukaledonien, Nowosibirsk und dem Irak kauften schon bei ihm ein –und pinnten eine Nadel in Max’ vergilbte Weltkarte. Seinen Kunden eröffnet sich im Innern eine Wunderwelt aus Gitarren, Schlagzeugen und, und, und. Falls sie sich reintrauen. Denn von außen sieht der Laden „Unter den Linden“ in Reutlingen aus wie das Klohäuschen von Guantanamo.

    Max Herfert ist Boxer, Rockmusiker – und Künstler. Wenn ihm aber etwas auf den Sack geht, ist es die blasierte Kunstszene im Allgemeinen und Einladungskarten zu Vernissagen im Speziellen. Er reagiert angemessen: mit Verarschung dergleichen. Für seine erste eigene Ausstellung verschickte der Künstler Einladungskarten mit folgender Biographie: Maximilian Holger Berthold Herfert 1966 Aufenthalt in Caorle/Italien 1969 Begegnung mit Jimi Hendrix in Frankfurt 1971 Studium bei Dr. Anton Wehner und Dr. Wolfgang Haseloff in Hanau 1973 Beendigung der „Dörnigheimer Zeit“ 1975 Zwischenprüfung der Philosophie 1976 Vordiplom in Tübingen 1980 Aufenthalt in Raibach seit 1990 Freundschaft mit Bob Steele/USA und Beginn der dritten Schaffensperiode „ … ja, nennt mich einen Exhibitionisten – ich behauptete aber niemals, ein Künstler zu sein“ (Mauribault, 1921).

    Und hier die Herfert’sche Übersetzung: In Caorle an der Adria hatte er 1966 Urlaub gemacht (bis heute übrigens seinen letzten). Jimi Hendrix hatte er 1969 auf einem Konzert gesehen. Die beiden Doktoren waren seine ehemaligen Gymnasiallehrer, Raibach seine Geburtsstadt. Und Bob Steele war ein US-Boxer und Brieffreund. Das Zitat war ebenso wie der Autor Hugo Mauribault frei erfunden. Bei seiner Eröffnungsansprache schoss ein befreundeter Psychologe den Vogel ab, als er über Mauribault todernst sagte: „Der große Mann, der in keinem Lexikon zu finden ist, weil er darin nie erscheinen wollte.“ Die Ausstellung mit dem stilbildenden Titel „Die Neue Hässlichkeit – Bilder der Aggression, Trauer und Lust“ fand im „Crazy Sexy“, Frankfurts größtem Puff, statt.
    Eine von Max Herferts Techniken ist auf dem besten Weg, die Kunstwelt zu revolutionieren. Versöhnt sie doch erstmalig den Pointillismus mit der Pop-Art: das „Hammarell“. Eingetrocknete Farbkrümel aus dem Malkasten werden mit dem Hammer auf feuchte Aquarelle geschlagen. Einfach (und) genial! Ein Herfert’sches Stofftaschentuch, das er zwei Jahre lang ausgiebig benutzt, aber nie gewaschen hatte, befindet sich im Besitz der Stiftung für konkrete Kunst in Reutlingen. Titel: „Tränen, Blut und Wichse.“ Herfert ist nicht nur ein begnadeter Maler und Bildhauer, sondern auch Dichter. Eines seiner Werke: „Gedichte und anderer Quatsch.“ Max Herfert raucht nicht, säuft nicht, ernährt sich vegetarisch, ist Atheist, war noch keine Sekunde im Knast, dafür in 30 Jahren immerhin 19 Tage im Urlaub. Im Tierheim nahm er genau den Hund, den sowieso sonst niemand wollte. Also „Rocky“, einen geschundenen und traumatisierten Kampfhund, der ihm zur Begrüßung gleich ins Auge biss. Der beste Hund, der je zu ihm hätte passen können. „Glück für den, der die Tiere und alles Leben um sich herum lieben kann.“
    Was macht eigentlich das Boxen? Mit 37 war ja Schluss mit der Karriere. Also wurde Max Trainer. Sein Training ist kostenlos, ideologiefrei und ver-einsunabhängig. Nachdem er seinen Trainingsraum an die Steuerfahndung (die eine höhere Miete zahlen konnte) verloren hatte, beantragte er Fördermittel vom Staat für ein kostenloses Trainingsprojekt mit Jugendlichen. Seit 2002 lernten über 200 Heranwachsende bei ihm Boxen, seit einigen Jahren in einer 100-Quadratmeter-Boxhalle. Ein Stockwerk über dem Buddhistischen Zentrum Reutlingens. Jewgeni Miller trainiert seit acht Jahren bei ihm. 2008 und 2009 wurde er Württembergischer Halbschwergewichtsmeister der Leistungsklasse B (Athleten mit maximal sechs Siegen). „Der Max hat mir gezeigt, dass mit Willen alles erreichbar ist.“ Herfert bietet solchen Jungs sein Boxtraining an, die am Scheideweg stehen, irgendeinen Mist zu bauen. Deshalb hat Herfert 2008 den Fairnesspreis der Deutschen Olympischen Gesellschaft erhalten. Sein Wunsch zum Sechzigsten: Eine Party mit Keith Richards und Mike Tyson. Ein boxender Traumtänzer, der Max!

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